Unser Geburtsbericht (Lilly)

Vor 19 Monaten kam unser Felix auf die Welt. Damals habe ich noch im Krankenhaus einen Geburtsbericht geschrieben, den ich nicht nur hier veröffentlich, sondern auch im Laufe der Zeit selbst immer mal wieder gelesen habe. Also habe ich nach Lillys Geburt auch schnell den virtuellen Stift gezückt und angefangen, alles zu notieren, bevor die Erinnerung verblasst. Wie ihr euch vielleicht erinnert, hatte mein Mann damals auch einen eigenen Bericht verfasst. Habt ihr vielleicht Interesse daran, auch diesmal die Männersicht unserer Geburt zu lesen?

Jetzt gehts jedenfalls erstmal los mit meiner Sicht der Dinge:

26.2.

Ein Tag vor meinem eigenen Geburtstag. Baby ist schon 3 Tage überfällig und da ich davon ausgegangen war, dass sie bestimmt früher kommt (wie ihr Bruder), wird sie gefühlt schon seit Wochen sehnlichst und leicht ungeduldig erwartet.

3:30 Uhr

Die erste Wehe. Aha. Ok. Mal beobachten. Es stellt sich schnell heraus, dass wir uns so bei 10-12 Minuten zwischen den Wehen bewegen. Klingt doch schonmal gut.

Den Mann lasse ich erstmal noch schlafen und liege leicht wehend neben ihm im Dunkeln. Kräfte beisammenhalten. Wenn es losgeht, geht es los und bei Felix‘ laaanger Geburt hat mir das In-der-Wohnung-umher-Gerenne sicher auf lange Sicht nicht mehr Kraft gegeben.

Die Wehen lassen sich aber im Liegen leise gut aushalten.

4:30 Uhr

Kind 1 wird unruhig, wacht auf. Mein Liebster holt ihn zu uns. Bei der Gelegenheit informiere ich ihn, dass etwas weht. Frequenz ist jetzt eher alle 7-10 Minuten. Es tut sich also was. Weitere 1,5h wehe ich so vor mich hin, glaube irgendwie immer noch an einen möglichen Fehlalarm… und in dem Fall würden eine Freundin aus der Nähe und meine Eltern mit 3h Anfahrt umsonst extra anfahren…

5:50 Uhr

Ich entscheide, aufzustehen und mal heiß zu duschen. Kann in keinem Fall schaden. Unter der Dusche Wehenpause. Hm. Aber dafür gehts danach augenblicklich umso doller und häufiger weiter. Die Wehen sind definitiv kräftiger, mit einfachem Atmen ist es jetzt nicht mehr getan. Ich töne so langsam schon etwas rum. Sie kommen jetzt mit Abständen zwischen 2 und 6 Minuten. Zwischen den Wehen schminke ich mich minimalistisch und packe letzte Sachen zusammen, die ich vielleicht brauchen könnte.

6:50 Uhr

Der Gedanke an einen Fehlalarm erscheint langsam lächerlich. Das Make Up hätte ich mir wohl sparen können 😀 der Tag wird wohl nicht ganz alltäglich laufen. Wir schreiben meiner Freundin, die für Felix‘ Betreuung kommen soll. Gegen 8 wird sie da sein.

7:30 Uhr

Ich. Wehe. mache. Wehe. Frühstück. Wehe! Immerhin soll der Spatz noch eine Kleinigkeit vor der Kita essen und auch der Mann darf sich noch stärken. Mein Appetit? Nicht mehr wirklich vorhanden!

Wehe.

8:00 Uhr

Meine Freundin ist da und kümmert sich um Felix. Gut, Kind 1 ist versorgt. Der Mann geht noch schnell mit dem Hund Gassi. Aus „schnell“ wird eine gefühlte Ewigkeit. Während die beiden frühstücken, leiste ich ihnen Gesellschaft und sinke alle 2-4 Minuten in den Vierfüßlerstand und kralle mich mit dem Oberkörper am Stuhl fest. Aber alles easy. Muddi will diesmal auf keinen Fall zu früh im Krankenhaus erscheinen. Ha. Haha. Hahahaaaahaha.

8:45 Uhr

Kind 1 geht los in die Kita. Ich gehe/krieche los ins Auto. Schnell noch eine Wickelunterlage samt Handtuch auf den Sitz gelegt. Und los gehts. Zum schönsten Berufsverkehr. In Frankfurt am Main. Auf die A5. Stadteinwärts. Ich habe gehört, es seien schon werdende Mütter auf dem Frankfurter Westkreuz verschollen. Wir weichen doch lieber auf die Nebenstrecke aus. Die 30 Minuten Fahrt mit Wehen ziehen sich. Aber der Schmerz lässt sich doch noch ganz gut wegtönen.

9:15 Uhr

Ankunft im Krankenhaus-Parkhaus. Wir warten noch eine Wehe im warmen Auto ab. Draußen sind -8 Grad. Ich trage nur eine dünne Leggins. Auf dem kurzen Fußweg in den Kreißsaal veratme ich noch ein paar Wehen im Halbstehen, an meinen Mann festgeklammert. Zum Glück kennt mich hier niemand.

Mit den Worten „einmal das Baby bitte“ platzen wir in den Kreißsaalbereich. Auf die Nachfrage der Hebamme, ob ich Wehen habe, kann ich zunächst nicht antworten, da mich die nächste Wehe in die Knie zwingt. Wir werden ohne große weitere Nachfragen in Kreißsaal 1 gebracht.

Ab jetzt verschwimmen Zeit und Raum etwas…

Wehe.

Mir wird das kabellose CTG angelegt. Stört mich eigentlich gar nicht. Höchstens irritiert mich, dass die Hebamme einen der Nupsel dauernd manuell festhält. Was ist jetzt schlimmer, ein Kabel oder ein menschlicher Arm am Bauch??!

Wehe.

Man legt mir einen Zugang.

Wehe.

Ich bekomme ein Antibiotikum, da ich positiv auf B-Streptokokken getestet worden war. Genau die putzigen kleinen Freunde, dank derer Felix vor 19 Monaten eine Woche mit Antibiotikum im Krankenhaus bleiben durfte.

Wehe.

Die Hebamme möchte mal nach dem Muttermund tasten.

Wehe.

Ich richte mich auf.

Wehe.

Ich stehe.

Wehe.

Ich klettere aufs Bett.

6-7cm.

Sehr schön!

Mittlerweile sind die Wehen kaum auszuhalten und zu meinem O-A-Getöne gesellt sich ein unverkennbares Jammern/angedeutetes Weinen.

Kommt Hilfe auf dem Wasserwege?

Ich frage nach der Wanne. Bei Felix‘ Geburt hat die Wanne so toll gegen die Schmerzen geholfen. Ob hier noch was zu retten ist?

Damals war in der Kreißsaalwanne der Stöpsel defekt, so dass wir extra in einen anderen Raum mussten. Und zurück.

Diesmal ist der Stöpsel ok. Dafür haben sie Probleme mit dem heißen Wasser, so dass mit einem Wasserkocher nachgeholfen werden muss. Im Ernst jetzt? Das ist ja so, als ob man auf die Erderwärmung warten würde, um das Badewasser zu erwärmen. Ich wehe und klage weiter.

Wanne ist endlich ausreichend befüllt. Ich klettere mit reichlich Hilfe hinein.

Es badet sich sehr angenehm. Die Wehen lindert das Wasser diesmal aber nicht mehr so großartig. Ich weine/wehe vor mich hin. Bitte meinen Mann, näher an die Wanne zu kommen. Er hält meine Hand/meinen Kopf, streichelt mal über meine Wange. Gut, dass er da ist.

Ich bin gefühlt erst Minuten im Wasser, als es anscheinend ernst wird. Ich werde gefragt, ob ich lieber aus der Wanne raus will. Ich sehe keinen Weg, wie ich das schaffen soll. Also bleib ich drin. Ungeplante Wassergeburt also…

Ich soll plötzlich anders atmen, mehr Hecheln und NICHT drücken. Aha. Scheint mir, als würde sich der Kopf dem Ausgang nähern… Ich darf mal fühlen und fühle den kleinen, zusammengeschobenen Kopf unserer Tochter.

Es ist viel anstrengender und schmerzhafter, nicht pressen zu dürfen, als dann endlich zu pressen. Ich drücke was das Zeug hält und merke, wie der Kopf voran geht. Dann ist er raus. Ich gucke nach unten und sehe den kleinen Babykopf und wie die Hebamme den Körper irgendwie so rausdreht.

Dann schwimmt mein Mädchen in der Wanne.

Unsere kleine Lilly Helena. Es ist

11:13 Uhr

Nach gerade mal 2 Stunden im Krankenhaus ist sie schon da. 50cm lang und 3230g schwer. 34cm Kopfumfang.

Sie wird schnell rausgefischt, die Nabelschnur vom Hals gewunden und auf mich gelegt. Sie ist ganz blaugrau… sieht nicht gerade gut aus. Aber alle sagen, das sei ok.

Irgendwann gibt sie ihr erstes Quaken von sich.

Papa nabelt sie ab und nimmt sie kurz, während ich aus der Wanne aufs Bett krabbel. Dort werden Lilly und ich warm eingepackt, kuscheln, während alles auf die Plazenta wartet.

Die kommt nach so cirka einer halben Stunde. Aber nicht so locker flockig wie bei Felix, ich muss nochmal richtig pressen, tiefe Hocke und alles. Ich bin angestrengt und genervt und würde am liebsten sagen „lasst das Teil doch einfach drin“… aber auch das Elend geht vorbei.

Ich bekomme unser Baby zurück und werde untersucht. Wieder keine Geburtsverletzungen! Ich kann mein Glück kaum fassen. Bei Felix hatte ich schon nur einen winzigen Riss an der Schamlippe. Diesmal gar nix. Wahnsinn!

Papa, Baby und ich schmusen und ich stille Lilly zum ersten Mal. Anscheinend weiß ich noch, wies geht, denn es geht!

Uns wird dann gesagt, dass wir prinzipiell tatsächlich ambulant, also nach 4 Stunden, heim gehen dürfen. Ich soll aber mal aufstehen, mich etwas anziehen, den Kreislauf testen, ich hätte ja auch gut Blut verloren.

Ich bin glücklich und will jetzt natürlich beweisen, dass ich tatsächlich heim gehen kann. Glücklicherweise geht auch alles gut. Ich habe plötzlich einen Wahnsinnshunger!

Es wird noch ein Ultraschall gemacht, alles gut soweit. Wir bekommen noch ein paar Anweisungen für die erste Zeit mit auf den Weg und werden dann knapp 5 Stunden nach Lillys Geburt entlassen. In die echte Welt. Ins Leben mit unserem kleinen Mädchen!

Diese Geburt war viel intensiver und auch schmerzhafter (sorry, Mädels!) als die erste. Aber dafür auch viel effizienter und befriedigender. Ich merkte, dass es voran ging. Daher dachte ich eigentlich fast gar nicht „ich kann nicht mehr“ und der Gedanke an eine PDA kam nie auf. Ich war einfach zu beschäftigt mit dem Gebären.

So war Lilly nur 7,5 Stunden nach der ersten Wehe und schon nach 2 Stunden im Krankenhaus da.

Und unser Wunsch, schnell nach Hause zu dürfen und allen das Krankenhaus zu ersparen, wurde wahr. Besser hätte es nicht laufen können.

Heute wird Lilly schon eine Woche alt. (Anm. d. Red.: am Tag der Veröffentlichung ist Lilly 10 Tage alt). Ich habe die ambulante Geburt nie bereut. Daheim ist es so gemütlich und vertraut. Mein Mann ist mein Fels und wuppt hier alles. Meine Eltern und Schwiegereltern sind uns jeweils ein paar Tage zur Hand gegangen.

Lilly und ich leben auf dem Sofa und lernen uns kennen. Felix macht alles bisher ganz toll mit seiner kleinen Schwester und ich bin sehr stolz auf ihn.

Wir sind jetzt vier – und ich bin verliebter denn je in meine kleine Familie!

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