Offener Brief an den Klugscheißer

Lieber Klugscheißer, 

du kommst in den unterschiedlichsten Gestalten. Mal als runzlige Omi, als Mutter mit Kind, als Rad- oder Autofahrer, Frau mit Hund… du bist groß, klein, dick, dünn, mit Brille, oder ohne, mit Halbglatze, Mütze oder langer Matte. Eines bringst du aber immer mit, wenn man dich trifft: deine Meinung. Ungefragt. Unreflektiert. 

Nicht nur führst du dein eigenes Leben bis zur Perfektion, tust immer das Richtige, haderst und zweifelst natürlich nie. Denn dein Weg ist der einzig akzeptable. Versteht sich ja. Nein, du lädst dir, uneigennützig wie du bist, sogar die Probleme aller anderen auf deine breiten, starken Schultern. So gehst du durchs Leben und verteilst deine Weisheit – wiederum natürlich total uneigennützig – mit vollen Händen. 

Du weist uns Ottonormallebende gern darauf hin, dass unser Kind vermutlich Hunger hat. Dass der Fahrradweg dort drüben oder die Ampel rot ist. Dass wir unseren Hund gern ableinen können. Dass du Vorfahrt hast. Dass dem Baby in der Trage vermutlich zu warm ist. Und im Kinderwagen zu kalt. Du lässt keine Gelegenheit aus, uns mit freundlichen Blicken und leisem Getuschel hinterm Rücken darauf hinzuweisen, dass es ganz normal ist, dass ein Baby mal weint. Oder dass ein Hund mal knurrt. Oder gar Geschäfte verrichtet. 

Dabei respektierst du nicht nur unsere Individualität und Entscheidungsfreiheit, du sprichst auch immer mit warmer Stimme in höflichen Worten mit uns. Nie würdest du eine freche Aussage einfach so in den Raum sprechen. Uns beleidigen. Oder ohne ausreichende Informationsgrundlage urteilen. Und natürlich wartest du immer unsere Antwort ab und reflektierst deinen Standpunkt anhand dieser. 

Lieber Klugscheißer, 

heute hatte ich wieder einmal das Vergnügen, dir zu begegnen. Zum Glück hatte ich nur meinen Hund angeleint und das Baby war gerade ruhig. So musstest du dich nur mit meinen mangelhaften Fähigkeiten als Hundehalterin und nicht auch noch als Mutter auseinandersetzen. Und natürlich nicht deinerseits deine drei großen Hunde anleinen. Ich will dir ja nicht zu viel zumuten. No pressure! Auf meine Aussage hin, dass ich die Leine lieber dran lassen möchte, konntest du mich also im Vorbeigehen netterweise darauf hinweisen, dass so ja nur der Hund leide und nicht ich. 

Danke dafür! Du hast mein Leben und das meines Hundes wieder einmal so sehr bereichert. Ich weiß gar nicht, wie ich dir genug danken kann! 

Vielleicht mit einem guten Ratschlag meinerseits? Ich probiers einfach mal: 

Lieber Klugscheißer, 

schön, dass dein eigenes Leben anscheinend so belanglos und unzufriedenstellend ist, dass du dich in meines einmischen musst! 

Dass man ihn und sein Leben so interessant findet, ist schließlich das größte Kompliment, dass man einem anderen Menschen machen kann! 

Aber dich, dich habe ich nach dem Mittagessen schon wieder vergessen. Ich habe nämlich besseres zu tun! 

Mit freundlichen Grüßen,

Deine Katrin

PS: Wie geht ihr mit der Spezies Klugscheißer um? Hinterlasst mir gern einen Kommentar! 

(PPS: Natürlich sollte jeder von uns bei Gewalt gegenüber anderen Erwachsenen, Kindern, Tieren oder der Natur genau hinsehen und einschreiten! Das ist hier offensichtlich nicht gemeint!)

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2 Gedanken zu “Offener Brief an den Klugscheißer

  1. Jeder kennt ihn – den netten Klugscheißer. Ganz fiese Spezies!
    Danke also für diesen Post!
    Ich würde ja Amen schreiben, wenn das nicht zu vermessen wäre.
    Meine Strategie? Kommt auf die Situation drauf an. Von ignorieren bis freundlich zurück-klugscheißen war schon alles dabei.:-)
    Lass dich drücken! :-*

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    • Freundlich zurück-klugscheißen, sowas geht? Hmm, dazu müsste Mama ja schlagfertig sein, aber wir wissen ja: schlagfertig ist das, was einem 3 Stunden später daheim einfällt… ;-P schönen Sonntag, meine Liebe! K.

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